Sonntag im Slum


Das glaubt mir jetzt keiner, aber die Hütte links ist: die Kirche. Die größeren Kinder schauen sich den Gottesdienst mangels Platz von draußen an und bestaunen den "Mzungu".

7 Kirchen in 10 Stunden

Die Missionarsarbeit ist längst gemacht. Ich achte ja immer darauf, dass von uns geförderte Projekte nicht missionarisch tätig sind. Aber das scheint hier mal gar nicht das Problem zu sein: Die 2 deutschen Missionare, die vor 166 Jahren hier als erste ankamen, haben zusammen mit ihren Nachfolgern ganze Arbeit geleistet. Heute könnten wohl eher die Kenianer uns missionieren. Sie sind so leidenschaftlich und routiniert bei der Sache. Ich muss sagen: so macht Kirche mir Spaß!

Lindy Wafula von Project for Africa kandidiert im Wahlkreis Makadara für das Parlament. Ihre Besuche in den Kirchen haben also neben ihrem sozialen Engagement auch einen aktuellen, politischen Hintergrund. Und ohne die Kirchen geht es nicht: Wenn man hier sonntags durchgeht, ist in jeder zweiten Slumhütte gerade ein Versammlung, die betet oder singt und man merkt: Diese Hütte ist keine Wohnung, sondern eine Kirche.

Ich war heute 10 Stunden lang in 7 Kirchen in Chiambio, einem der beiden Slums in Nairobis Stadtteil Makadara. Mzungu heißt "Weißer". Davon gibt's dort nicht viele. Ich habe keinen gesehen.


Mzungu, how are you?

Ich bin zig Euro für die Kollekte losgeworden, damit hatte ich nicht gerechnet, aber als Mzungu - Weiße sind unter Generalverdacht reich, und tatsächlich: für diese Verhältnisse hier stimmt das ja auch - kann ich da ja nicht nur 2 Euro reintun.

In der 1. Kirche war die Messe auf Englisch. In der 2. War sie auf Englisch und wurde live übersetzt. In der 3. war sie auf Suaheli. Das war etwas langweilig.

Die 4. Kirche war voll: 45 Menschen, fast alles Frauen, auf 16 Quadratmetern, dazu ungefähr 10 Kleinkinder und Säuglinge auf den Schößen. Aber alle hatten Sitzplätze auf winzigen Holzbänken, und sogar für 2 große Trommeln war noch Platz. Und dann der Gesang, in diesem kleinen Raum, so viele voll klingende Stimmen, Klatschen, Trommeln, eine unglaubliche Konzentration von menschlicher Lebenskraft und Schönheit.

Dann die aufpeitschende Predigt des Pastors: Johlende Rufe nach jedem Satz: "Yes!" "Yes, Jesus!" "So it is!" "Amen!" "Hallelujah!" Es erinnert mich kühlen Europäer an Bilder von Sekten – aber ich vermute es ist einfach Freude, die Lust am Singen und der Gemeinschaft. Dann gibt es noch die Alle-durcheinander-gleichzeitig-laut-Beten-Sessions, ein gigantisches zischendes Gewirr von Stimmen.


Das Trainingscamp von Inter Mailand

Zig Hände habe ich heute geschüttelt. Und geschwitzt habe ich, in den kleinen Räumen mit den vielen Menschen, unter den Wellblechdächern. Und in den 10 Stunden war niemand vom Team auf Toilette. Aber bevor in der letzten Kirche Erdnüsse gereicht wurden, ging eine Frau durch die Reihen und hat aus einem Krug Wasser zum Waschen über die Hände gegossen und in einer Schüssel in der anderen Hand wieder aufgefangen. Neben der Kirche ein sandiges Fußballfeld, auf dem Mcdonald Mariga Fußball spielen gelernt hat; heute ist er Nationalspieler und steht bei Inter Mailand unter Vertrag.


Warum kostet arm sein Zeit?

Am Rand der Wege grillen Männer auf Blechschalen Mais, ein Junge verkauft Holzkohle in winzigen Eimerchen - vermutlich genug, um gerade genau eine Mahlzeit zu kochen, mehr wollen oder können sich die Menschen nicht leisten. Auch beim Tanken wird ja hier nie vollgetankt, sondern nur mal 8 Liter für die nächsten Strecken. So leben die Menschen im Jetzt - oft zwangsweise. Arm sein kostet Zeit. Keine Waschmaschine? 2 Stunden weg. Kein fließendes Wasser im Haus? Kein Geld für Vorratskäufe? Kein Auto, kein Fahrrad? Das alles kostet Zeit. So ziehen sich die einfachsten Hausarbeiten so in die Länge, dass der Tag vorbei ist, ohne einen wirklichen Schritt vorwärts.


Und in Deutschland?

double income no kids = 10 Minuten Haushaltsarbeiten pro Tag und Kohle ohne Ende. Läuft da irgendwas falsch? Ja, ich denke schon. Die meisten Deutschen kommen zwar nicht her, und es mag ihnen weit weg vorkommen, aber wenn man mal eben schnell hier hinfliegt und merkt, wie nah an Deutschland die Slums von Nairobi heutzutage liegen, dann wird das krasse Gefälle der Armut etwas paradox. Und es ist ja immer noch einfach nur Zufall, auf welcher Seite der Luftbrücke ich geboren bin.

 

Jetzt im Reisetagebuch



Projektreise Kenia und Uganda


Von Ende Oktober bis Anfang November 2012 ist Benjamin Wolf, wieder in Afrika unterwegs. Diesmal in Kenia und Uganda. Auch hier schreibt er wieder ein Reisetagebuch über seine Erlebnisse

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Projektreise Südafrika


Vom 17. August bis zum 06. September 2012 war Benjamin Wolf, der Gründer und Geschäftsführer der Südwerk Stiftung, in Südafrika unterwegs. Er besuchte fünf der von uns unterstützten Projekte und traf viele Menschen und Organisationen.

Das Ziel der Reise war, die bestehenden Projekte und vor allem die beteiligten Personen vor Ort kennen zu lernen. Darüber hinaus wird der Blick auch in die Zukunft gehen, um künftige Chancen zu erkennen.

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Blog

Lesen Sie hier beispielhaft, was Südwerker als Freiwillige in dem von Foundation Human Nature e.V. betreuten Projekt bei ihren Einsätzen auf der Gesundheitsstation in Ecuador erlebt haben."

Sebastian, ab Januar 2013: zum Blog

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